Heiliger Raum

Sakrale Architektur und die Schaffung »Heiliger Räume« heute

Autor: Stefan Brönnle

Räume umgeben uns – überall. Dies mag wie eine Binsenweisheit klingen, doch ist sich der Mensch dessen selten bewusst. Es ist uns einfach zu selbstverständlich. Doch sind der Raum und das Raumgefühl nicht immer gleich. Im Gegenteil: Jedes Zimmer wirkt anders auf uns, auch wenn wir die Augen schließen. Die Wände geben einen bestimmten Raum vor. So schafft die Grenze erst Raum. Dieser Umstand führte in der Schaffung sakraler Bauten zur sakralen Umhegung, zum Sanktuar. Aber auch der »offene Raum«, die Landschaft, hat solche Grenzen. Sie werden durch die Topographie ebenso definiert wie durch die raumbildenden Qualitäten einzelner Objekte. So schafft ein einzelner großer Baum in einer Ebene einen spür- und erlebbaren Raum um sich, der fast eine Art Gravitation besitzt. Trampelpfade über solche Ebenen werden, auch wenn sie ganz woanders hinführen, stets ein wenig zum Raum eines solchen Baumes „hingezogen« – ein sichtbar gewordenes Zeichen für das Bewegungsverhalten von Mensch und Tier. Je nach Landschaftstypus sind die Landschaftsräume mal größer, mal kleiner. Und die Qualität dieser Räume ist spürbar verschieden. Ebenen lassen den Himmel erfahrbar werden, sind von »kosmischer Qualität«, Schluchten dagegen lassen uns die Erde erfahren und sind daher eher von »chthonischer (= unterweltlicher Qualität «).

Obgleich Räume von sich aus bestimmte Qualitäten besitzen, haben Tier und Mensch auch stets das Bedürfnis, Räume zu schaffen, die ihrem innersten Wesen entsprechen. Dieses Bedürfnis drückt sich beim Menschen auch verbal aus. Das Verb »räumen« meint »Raum bilden« oder »Platz schaffen“. Im Sinne von »roden« z.B. wurde durch die Räumung im Wald ein Raum geschaffen. So birgt der Raum in sich Frei-heit und Grenze zugleich. Die dem Verb »räumen« zugrunde liegende indoeuropäische Wurzel »reu-« hat eine Verbindung zum tocharischen* tru-«, was soviel wie »öffnen« bedeutet.

Besondere Räume haben die Fähigkeit, in uns und in der Landschaft etwas zu öffnen. Es sind heilige, heil-machende, ganz-machende Räume, die natürlich (von der Erde geboren) oder künstlich (vom Menschen erschallen) oder ein wenig von beidem sind. Obgleich, oder besser weil die heilige Grenze, das Sanktuar, sie umschließt und begrenzt, sind solche heiligen Räume befähigt, uns zu öffnen und Freiheit zu geben. Das Bedürfnis des Menschen, solche Räume zu erschaffen, die ihn öffnen, die ihm gestatten, dem Numinosen, dem Göttlichen, nahe zu sein, ist sicher so alt wie die Menschheit selbst.

Ein sehr empfehlenswertes Buch für alle Freunde der Geomantie.

 

ISBN-13  978-3890605449
Verlag  Neue Erde GmbH
Erschienen  1. Auflage März 2010
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