Frau Hölle

Ragnarök‘ Deine Mudda

Autor: Luci van Org

Bekanntlich hatte die deutsche Literatur schon immer mit beträchtlichen Behinderungen zu kämpfen. Die größte von ihnen dürfte die Ernsthaftigkeit sein, jene Lebenseinstellung die uns bis auf weiteres hervorragende Wissenschaftler, hingebungsvolle Bürokraten und eher beschränkte Komiker einbringt. Denn deutsche Literatur ist im Allgemeinen nicht gerade leserfreundlich. Da haben wir pompöse Wichtigtuer wie Goethe, zwanghaft darum bemüht doch bitte endlich von der herrschenden und reichlich geistlosen Aristokratie bewundert zu werden. Eitle Genies wie Thomas Mann, die mit unbarmherziger Härte ihre geistige Überlegenheit durch endlose Satzverschraubungen demonstrieren. Lauwarme Mystiker wie Hermann Hesse, in einem Zwiespalt zwischen Sinnlichkeit und totaler Abstinenz gefangen. Sie alle waren schrecklich klug und hatten Bedeutendes zu sagen; wobei es dummerweise nicht viel zu lachen gab. Und die wenigen deutschen Literaten, die wirklich lachen konnten, taten dies, wie Heinrich Heine, sicherheitshalber im Exil.
Das alles hat sich jetzt geändert.
Die bisher völlig öde Literaturlandschaft wird von einem Buch erschüttert, welches die Versäumnisse der letzten Jahrhunderte schlagartig wieder gut macht.

Als ich das Buch Frau Hölle erhielt, war ich zunächst ein wenig skeptisch. Das Thema wurde schon einige Male behandelt: hier geht es um das Schicksal der alten Götter in unserer schnelllebigen und oberflächlichen Zeit. Jean Ray kultivierte es in Malpertuis, einem eher mittelmäßigen Roman, der dann allerdings hervorragend und unbedingt sehenswert von Harry Kümmel verfilmt wurde. Wer die griechischen Götter und ganz besonders Gorgo Medusa liebt, fühlt sich sofort daheim. Der nächste, wirklich nennenswerte Beitrag zu diesem Genre war Neil Gaimans American Gods. Hier erübrigt sich jeder Kommentar, denn Gaiman gehört zu den wenigen Künstlern, die die Götter leben, atmen, lieben und mit ihrem Herzblut verewigen.

Ja, und jetzt: Luci van Org.
Zugegeben, der Einstieg fiel mir nicht leicht. Ich las ihre Kurzbiographie und erinnerte mich mit Schrecken an ihr Lied ‚Mädchen‘, welches mir in den frühen Neunzigern deutlicher und brutaler als alles andere demonstrierte, dass die Tage der Hippie-Visionäre und der Punk-Rebellen gezählt waren, weil das Zeitalter der verwöhnten Konsumgören begonnen hatte.

Doch dann schlug ich das Buch auf und las den Satz: ‚“Wissen Sie“, seufzte Larissa, „mein Mann und ich persönlich sind ja der Meinung, dass die Dämonen und das ZDF im Guten auseinander gehen sollten. Es ist doch ein Grund zur Freude, wie harmonisch wir all die Jahre gemeinsam das Programm gemacht…“‘

In diesem Augenblick wurde mir klar, dass Luci van Org seit 1994 eine Menge erlebt hat. Frau Hölle ist keine Fiktion sondern beschreibt in nüchterner, praktischer und gnadenlos genauer Weise Absolute Realität.  Ich las Ihre Einleitung, ihre Liebeserklärung an die alten heidnischen Götter, und war zutiefst berührt. Liebe Luci, alles ist vergeben und vergessen, und vielen Dank für dein wunderbares Buch!

Interessierte Leser, besonders wenn diese aus der Heidenscene stammen, fragen sich jetzt womöglich, ob es hier mit rechten Dingen zugeht. Das ist zum Glück nicht der Fall.

Gerade deutsche Heiden (siehe Anmerkungen zum Thema ‚Ernsthaftigkeit‘) leiden ja oft an chronischer Seriosität (und/oder Verstopfung). Egal ob es sich da um schulmeisterhaftes Geschwafel, zwanghaftes runter beten der Eddas und altertümliche Hierarchien handelt,  oder ob nun endlich die lang ersehnte allgemein verbindliche heidnische Kleidungsordnung eingeführt werden soll: mit dem Lachen  tun sich hierzulande viele schwer. Ganz besonders dann, wenn die Darstellung nahezu blasphemisch wirkt. Darf über die Götter gelacht werden?

Nun, die Wikinger haben es immer wieder getan.
Auch die Götter lachen übereinander.
Und über die Menschen erst recht.
Wo kämen wir hin, wenn wir nichts mehr zu lachen hätten?
Und ist so etwas wie Blasphemie überhaupt möglich?

Wie bei Jean Ray und Neil Gaiman haben es die alten Götter heutzutage nicht gerade leicht. Bei Luci van Org leben sie in einer schäbigen, armen Siedlung am Rande eines düsteren Berliner Sees, der zufällig (genau wie die 2003 von der Erde verschluckte Ortschaft Sunnydale, California) direkt über dem Höllenschlund liegt. Es müsste nicht unbedingt Berlin sein. Dieselben Zustände gibt es auch in deiner Nachbarschaft. Denn den Höllenschlund, das Totenreich und den Abgrund haben wir alle mehr oder weniger mit eingebaut. Hier, am Rande der Realität, fristen die alten Götter, ungeliebt, vergessen aber noch lange nicht tot, ihre bescheidene Existenz. Thor verdient als unterbelichteter Steinmetz seine Brötchen, Wotan und Frija betreiben eine verwahrloste Kneipe, Sif kämpft gegen die Bulimie und unser aller beste Freundin, die liebe Hel/Holle/Helja ist, getarnt als verlotterte Althippie-Schrulle, als Friseuse tätig. Um nicht weiter aufzufallen überdeckt sie die jugendliche Hälfte ihres Gesichtes mit Silikon und runzeligem Makeup und raucht Kräuterzigaretten um die Nachbarn auf Distanz zu halten. Asen und Vanen geht es reichlich ähnlich wie uns: wer heute die Götter in sich zum Leben erweckt, kann nicht unbedingt mit einem reichen oder populären Dasein rechnen.

Doch gerade hier zeigt sich, was Göttlichkeit bedeutet. In einer Welt, in der Menschen göttlich, tierisch und dämonisch werden können, können auch die Götter zutiefst menschlich sein. Das entspricht überhaupt nicht dem christlichen Weltbild, welches eine strenge, aristotelische Trennung zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen vorschreibt, passt aber prächtig zu den nordischen Mythen und, ganz nebenbei, zum Glauben von mehr als einer Milliarde Menschen in Süd- und Ostasien.

Schließlich haben die Götter viel mit unseren Idealen zu tun, mit unseren Träumen, unseren Gaben, und ganz besonders mit unserer Fähigkeit, über die enge, kleine, ‚individuelle‘ Persönlichkeit hinauszugehen und über uns und die ganze Welt zu lachen. Dies gilt ganz besonders für unseren Umgang mit Hel, mit der Göttin von Tod und Wiedergeburt, denn erst da, wo wir unsere Masken fallen lassen, kommen wir in Wirklichkeit nach Hause.

Und so sind die Götter, in unserer Welt, ausgesprochen menschlich. Menschlich ist auch Luci van Orgs Darstellung der kleinen, engen Gemeinschaft um den düsteren Totensee herum. Hier geht es um Armut, Sorgen, Zwänge, Ängste, Schuldgefühle und auch immer wieder um Verständnis und Liebe. Hinter allem Spaß und Entertainment offenbaren sich tiefe und echte Gefühle. Und es zeigt sich, manchmal auf naive und öfters auf zynische Weise, was uns im Leben so oft fehlt. Es gibt nicht genug zu lachen. Dabei gäbe es reichlich Grund dazu. Man muss nur mal in den Spiegel sehen. Meine persönliche Göttin sagt gerne ‚Menschen sind lustig‘ um mich aufzuheitern. Das ist verdammt ernst, wenn man alles ernst genug nimmt, um erst recht darüber zu lachen.  Vor allem da, wo bei den meisten der Spaß schon lange aufgehört hat.

Luci van Org hat ein einzigartiges Buch geschrieben. Es strotzt von Leben, von Hingabe und ist ausgesprochen gut geschrieben. Zugegeben, manchmal wird es auch ein wenig derb. Nicht viel derber allerdings, als so manche nordische Sage (z.B Egils Saga), und ist dabei wesentlich einfühlsamer, zeitgemäßer und intelligenter als so manches moderne Heidenbuch.

Denn bei Luci van Org finden wir viel mehr als Spaß, Schrecken und Unterhaltung. Hier geht es nicht darum, alte Religionen lächerlich zu machen, sondern um die Fähigkeit, über die eigenen Grenzen und Dummheiten hinaus zu gehen und ehrlich am Leben und der Mitwelt Anteil zu nehmen.

Frau Hölle ist immer wieder ein zorniges Buch. Vielleicht ist auch Luci van Org gelegentlich ein zorniger Mensch und genau das schätze ich an ihrem Werk. Diese Welt ist noch lange nicht die beste aller möglichen Welten. Denn auf diesem winzigen und wundervollen Planeten gibt es reichlich viel, was einen betroffen und zornig machen kann. Die Summe menschlicher Ignoranz ist überall präsent. Schon zehn Minuten unter Menschen, in der Agrarwüste, vor dem Fernseher oder im Internet können einen wirklich offenen Geist zutiefst erschüttern. Doch wer will da noch einen offenen Geist?

Viele guten Menschen werden traurig, manche resignieren, wieder andere versuchen die Dämonen des Alltags und vor allem des eigenen Ichs mithilfe von zwanghaft positivem Denkens zu kontrollieren. So viele religiöse, spirituelle, künstlerische und esoterische Menschen scheinen heutzutage statt Blut Weichspüler in den Adern zu haben. Man sieht halt nicht so genau hin, gönnt sich was Schönes und jammert im Freundeskreis über den tragischen Zustand der Umwelt. Sowas kann verdammt weh tun. Denn derartig lauwarm und mittelmäßig muss es nun wirklich nicht zugehen.

Luci zeigt uns, wie man auch als heruntergekommene Gottheit den Alltag, die Anderswelten und ganz nebenbei den Weltuntergang überstehen kann. So, dass es etwas zu erleben, zu staunen und zu lachen gibt. Wir leben nicht in einer Tragödie sondern in einer Groteske. Menschen sind lustig und Götter auch. Und genau das macht uns für einander liebenswert.

Jan Fries

 

ISBN-13  978-3939239215
Verlag  Ubooks-Verlag
Erschienen  1. Auflage Mai 2013
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